Der Tibet Terrier auf
Ausstellung aus Sicht einer
Zuchtrichterin, die
zugleich auch Züchter dieser Rasse ist:
Angela Brüggemann
Vor nunmehr 16 Jahren,
im Mai 1990, war ich das erste Mal auf einer Hundeausstellung.
Auf einer großen Zuchtschau für alle Rassen in Berlin habe ich
meine erste Tibet Terrier Hündin "Babsi vom Silcherhof" in der
Offenen Klasse ausgestellt. Meine Hündin war untrainiert
und ich absolut unerfahren und entsprechend gaben wir wohl
eher ein etwas lustiges Bild als Ausstellungsteam ab. Wir
wurden Dritter von 3 Hunden in dieser Klasse. Babsi bekam
jedoch ein 'Vorzüglich', was die bestmögliche Formwertnote
ist, die man auf einer Ausstellung erhalten kann. Und als
Preis bekamen wir sogar eine Goldmedaille! Wir waren unsagbar
glücklich und stolz und Babsi trug ihre Medaille den ganzen
Tag, sogar noch beim anschließenden Bummel durch die
Hauptstadt.
Auch wenn wir an diesem
Tag nicht gewonnen haben, zog mich die Ausstellungsatmosphäre
und der Anspannung vor und während des Richtens in ihren Bann.
Ich wollte unbedingt wieder an Ausstellungen teilnehmen. Dies
habe ich dann ab 1990 mit Babsis Tochter Andscha, einer Hündin
aus unserem 1. TT Wurf) getan. Ich habe die Kleine bereits als
Welpe und Junghündin trainiert, so dass sie lernte, still auf
den Tisch zu stehen, ihre Zähne kontrollieren zu lassen und
ohne zu ziehen an der Vorführleine zu laufen. So perfekt
vorbereitet startete ich mit Andscha in die
Ausstellungssaison. Wir haben einige wirklich sehr gute
Bewertungen bekommen, vielleicht auch ab und zu eine
Platzierung, aber gewonnen haben wir nie. Verstehen konnten
ich das anfangs gar nicht so recht, denn ich hatte doch
eigentlich das hübscheste Tibet Terrier Mädchen an der Leine.
Woran konnte es also liegen? Das lies mir keine Ruhe….
Herr Bracksieck, damals
erster Vorsitzender unseres Zuchtvereins (KTR), hat das wohl
bemerkt, nahm mich zur Seite und hat versucht mir zu erklären,
worauf er als Zuchtrichter beim Richten achtet und was ein
Hund mitbringen muss, um wirklich ein Klassehund seiner Rasse
zu sein. Das bedeutete in erster Linie, sich mit dem
Rassestandard für Tibet Terrier auseinander zusetzten und vor
allem viele Hunde von anderen Ausstellern und Züchtern
anzufassen, um den Körperbau nicht nur in der Theorie, sondern
auch in der Praxis zu studieren. Das ist ganz wichtig, um z.B.
den Zusammenhang von Körperkonstruktion und Bewegungsablauf zu
verstehen.
Also fasste ich mir ein
Herz und fragte andere Aussteller am Ringrand, ob ich ihre
Hunde einmal anfassen könne und ließ mir von erfahrenen
Züchtern erklären, was der Unterschied einer zu steilen
Schulter zu einer gut zurück gelagerten Schulter ist, was eine
gute Winkelung der Hinterhand bedeutet, was der Unterschied
zwischen Vorbrust und Brusttiefe ist, wie ich erkennen kann,
ob die Ellenbogen am Brustkorb die korrekte Abstützung finden,
wie die typische Hals-Rückenlinie beim Tibet Terrier
ausschaut, und wie ich die leicht gewölbte Lendenpartie
erkennen kann. Wenn man viele verschiedene Hunde anfasst kann
man auch sehr gut feststellen, wie sich ein kompakter und
knochenstarker Körper anfühlt, im Unterschied zu feinknochigen
und damit einhergehend oft zu schmal gebauten Hunden mit zu
wenig Substanz, was nicht dem Standard entspricht.
Natürlich habe ich bei
dieser Gelegenheit den "Profis" über die Schulter geschaut,
wie sie bei ihrem Tibet Terrier das Haarkleid pflegen, kämmen
und ihnen den 'letzten Schliff' geben, bevor sie in den Ring
gehen. Leider sah ich dabei auch so manche Übertreibungen und
ich wusste nicht, bin ich jetzt auf einer Hundeausstellung
oder einem Friseurwettbewerb. Natürlich möchte ich auch
unbedingt einen super gepflegten Hund im Ausstellungsring
präsentieren bzw. präsentiert bekommen, aber einen "in Form"
geschnittenen und modellierten Tibet Terrier auf keinen Fall.
Das passte, und passt bis heute, nicht in mein Bild von einer
robusten und ursprünglichen Rasse aus Tibet. Lassen sie sich
also nicht "verführen" von einem Zuviel an Haarstyling, aber
seien Sie auch keinesfalls zu nachlässig damit! Ein zu wenig
gepflegter Hund mit abgerissenen, trockenen und schmutzigem
Haar, der vielleicht noch einigen Verfilzungen hat, gehört
nicht in den Ausstellungsring. Der für die Bewertung sehr
wichtige Gesamteindruck ihres Hundes leidet hierunter sehr.
Wir Richter können nicht beurteilen, wie ein Hund aussehen
könnte, sondern müssen ihn so bewerten, wie wir ihn genau an
diesem Tag präsentiert bekommen. Mit den Worten "In bester
Ausstellungskondition vorgestellt." beschreiben wir einen
Hund, der sich gelassen und souverän im Ring zeigt, dabei fit
und gut bemuskelt ist und ein natürlich schönes und gut
gepflegtes Haarkleid hat.
Wie schon erwähnt habe,
musste ich auch lernen, dass es nicht ausreicht, wenn mein
Hund stillstehen und frei an der Vorführleine laufen kann. Sie
müssen ihren Hund im Stand auf dem Boden und dem Richtertisch
präsentieren können, und zwar so, dass ihr Hund viel
Ausstrahlung hat und durch sein Auftreten zu einem Blickfang
wird. Stellen Sie sich vor, sie beobachten zwei gleich gut
aussehende junge Damen auf dem Laufsteg. Die eine bewegt sehr
natürlich und selbstsicher, mit aufrechtem Oberkörper,
Spannung im Körper, leicht gehobenen Kopf. Sie bewegt sich
nicht zu schnell, aber auch nicht zu langsam, ihre Schritte
wirken sehr harmonisch und grazil. Die andere lässt die
Schultern hängen, ihre Körperhaltung ist schlaff und ihr Gang
wirkt schlaksig und die Arme lässt sie einfach baumeln… Was
meinen Sie? Bekomme beide von der Jury eine gleichgute
Bewertung? Oder würde die eine Kandidatin doch besser
abschneiden als die andere???
Bei unseren Hunden ist
das sehr ähnlich. Sie müssen lernen, ihren Hund zu seinem
Vorteil zu präsentieren. Wenn er gerade Vorderläufe hat, dann
sollte er vorn gerade stehen, und nicht die Beine überkreuz
oder durchgebogen. Wenn er eine elegante Halslinie hat, dann
kann man dies nur sehen, wenn er aufmerksam ist und den Kopf
nach oben hält, so als hätte er gerade in der Ferne ein Reh
erblickt. Eine solche Körperhaltung haben sie bei ihrem Hund
sicherlich schon draußen beim Spaziergang beobachtet. Dabei
ist der ganze Körper angespannt, die Rückenlinie fest und
eben, nicht aufgezogen oder durchhängend, und die Hinterläufe
sind leicht nach hinten ausgestellt. Beobachten sie ihren Hund
jeden Tag erneut beim Spiel und beim ihren Spaziergängen.
Trödelt er herum und schnuffelt an jedem Grasshalm, träumt er
gerade nur beim Laufen oder hat er gerade etwas "im Visier".
Seine Körperhaltung und seine Bewegung wird der Situation
entsprechend immer unterschiedlich sein, mal ganz locker und
schlaksig mit kleinen Schrittchen, mal angespannt und
motiviert mit großen kraftvollen Schritten, so als wolle er
allen zeigen: "Hier bin ich und ich werde die Welt im Sturm
erobern!".
Versuchen sie dies dann
im Ausstellungstraining umzusetzen. Manchmal werden über
Hundeklubs spezielle Ringtrainings angeboten. Wenn ja, sollten
sie dies auf alle Fälle nutzen. Oder sie fragen erfahrene
Aussteller, ob sie ihnen beim Training helfen können. So
können Fehler im Stand korrigiert werden und man kann
gemeinsam besprechen, in welcher Geschwindigkeit der Hund das
beste Gangwerk zeigt.
Für mich ist das
Gangwerk eines der wichtigsten Kriterien beim Richten. Ein
geschickter Handler kann seinen Hund im Stand super aufbauen,
mit dem langen Haarkleid unserer Tibet Terrier kann so manch
kleiner Fehler in der Körperkonstruktion überspielt werden.
Das sieht oft sehr beeindruckend aus. Aber es zählt, ob der
Hund in der Bewegung hält, was er im Stand versprochen hat.
Das Gangwerk des Tibet Terriers ist einzigartig: es ist
kraftvoll und bärenhaft mit einer großen Reichweite in der
Vorhand und guten Schub aus der Hinterhand. Er entwickelt in
der Bewegung einen Takt und hält diesen gleichmäßig über eine
lange Zeit, scheinbar ohne jegliche Kraftanstrengung. Kurze
Schritte, rasch und wenig kraftvoll sind nicht korrekt. Manche
Vorführer versuchen Schwächen im Gangwerg zu überspielen, in
dem sie mit ihrem Hund in High-speed durch den Ring rasen. Das
sieht zwar auf den ersten Blick sehr eindrucksvoll und showy
aus, ist für unsere Rasse absolut untypisch.
Und hiermit komme ich
nun zum wichtigsten Punkt: RASSETYP Dabei steht Rassetyp
nicht nur für einen typischen Kopfausdruck, wie oft angenommen
wird. Meine Richterberichte beginne ich damit, den
rassetypischen Gesamteindruck des Hundes zu beschreiben. Dazu
gehören korrekte Körperproportionen, eine quadratische
Silhouette, ein kompakter und kräftiger Körper, die großen
flachen Pfoten, das doppelschichtige Haarkleid von fester
Struktur und sehr guter Fülle. Der rassetypische Ausdruck des
Kopfes ist trotzdem eines der wichtigsten Merkmale unserer
Rasse. Da gibt es für mich auch keine Kompromisse. Geht der
Rassetyp einmal verloren, kann man ihn nicht mehr zurückholen.
Zu lange und schwache Fangpartien mit schmalen Kiefern und
fliehendem Kinn, zu wenig Stop, zu lang gestreckte Oberköpfe
und eng stehende kleine Augen sind fehlerhaft und verfälschen
der einmaligen rassetypischen Ausdruck unserer Tibet Terrier.
Aber nun noch einmal
zurück zu mir. Wie ging es nach Andscha weiter? Meine
Züchterfreunde beantworteten mir immer geduldig all meine
Fragen und so lernte ich mehr und mehr über die Tibetischen
Rassen. Mit der Hündin "Torma-Jilong von Lu-Khang" und
einem Sohn von Andscha "Che-ba skar von Jilong" hatte ich ab
1993 zwei überaus erfolgreiche Hunde. Sie prägten mein Bild
von der Rasse und mit ihnen lernte ich auch meine Hunde
richtig auszustellen. 1994 kamen noch die Hündinnen "Tarsangri
Fea-Jilong", und aus Schwedischer Zucht "Tzanh-Poh's E-la
Pra-mo" hinzu. Auch sie waren sehr erfolgreich und sind die
"Foundation Dogs" meiner TT Zucht "von Jilong". 1995 begann
ich die Ausbildung zur Spezialzuchtrichterin für die 4
Tibetischen Rassen, welche ich 1997 erfolgreich abschloss.
Tibet Terrier habe ich seitdem, außer in Deutschland, in
Schweden, Finnland, Dänemark, Holland und in diesem Jahr in
den USA gerichtet.
Ich wünsche mir sehr,
dass auftretende Tendenzen in der Veränderung des Rassetyps
unserer Tibet Terrier sich nicht zu stark durchsetzen und
damit das Erscheinungsbild unserer Hunde wesentlich verändert
wird. Hier sind auch die Zuchtrichter gefragt. Sie haben
entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung einer Rasse und
sie haben eine starke Verantwortung bei der Bewahrung des
korrekten Rassetyps. Modetrends und zu starke Veränderungen in
Typ dürfen nicht einfach toleriert oder mit einem
Ausstellungssieg eventuell honoriert werden. Langjährige
erfahrene Züchter, die genau wissen, welchen Rassetyp sie
züchten wollen, werden ihren Weg sicherlich weiter gehen, egal
welche Hunde im Ring ganz vorn platziert werden. Aber es gibt
auch Züchter, die züchten was Erfolg hat, denn Gewinnen ist
für sie der Lohn ihrer Zuchtarbeit. Auch Jungzüchter mit noch
nicht so viel Erfahrung können so nicht herausfinden, was
korrekter ursprünglicher Rassetyp ist. Sie gehen davon aus,
dass die Siegerhunde auch die besten Vertreter ihrer Rasse
sind und orientieren sich ganz klar an den
Ausstellungsergebnissen. Züchter, Aussteller, Zuchtrichter und
die Zuchtvereine müssen sich daher ihrer Verantwortung für die
Rasse bewusst sein und gemeinsam immer daran arbeiten, nicht
für den persönlichen Erfolg einzelner zu arbeiten sondern für
unsere wunderbaren Tibet Terrier!
Ps: Herzlichen Dank an
das Redaktionsteam der "De Tibetaanse Terrier Nieuws Site" für
die Einladung zu diesem Artikel. Sie alle machen einen tollen
Job mit ihrer Arbeit an dieser
Website die so informativ und abwechslungsreich
ist. Viel Glück für die Zukunft !
Angela Bruggemann
(Zuchtrichterin und auch
Züchterin)
Wir bedanken uns bei Angela, die Zuchtrichterin
und auch Züchterin dieser Rasse ist, dass sie sich die Zeit
genommen hat für uns diesen Artikel zu schreiben.
Vielen Dank
Het Tibetaanse Terriër
Nieuws Site Team